
Sonntag 7:00 Uhr: Der Wecker macht mir einen Strich durch die Sonntagslangschlafphase. Maulend und grummelnd greife ich mir den abgef…. Dreckswecker und bringe ihn zur Ruhe. Im niedersten Primatengang bewege ich mir zum Badezimmer wo mich eine abgef…. kalte Dusche erwartet. Fu…!!!
Genug des Morgengrummelns. Der einzige Grund, warum der Wecker nicht an die Wand fliegt, ist die heutige Veranstaltung, die ansteht…zu dieser wirklich unreal erscheinenden Uhrzeit. Heute steht das 4. Nordheide Sportwagenmeeting auf dem ADAC Fahrsicherheitszentrum Lüneburg an. Für dieses Ereignis habe ich mir extra das kleine „Schwarze“ besorgt.
Nein, nein, keine Angst, ich bin nicht so Einer. Es handelt sich um einen Porsche Targa4. Die Vouge Version des 911 mit polierten Fensterchromrahmen und Pornofelgen (Wortlaut eines Bekannten) wurde mir am vorherigen Tag vom Porsche Zentrum Hamburg ausgehändigt. Dafür noch mal ein dickes Dankeschön, sonst hätte ich mich doch tatsächlich mit einem Alfa Spider blicken lassen müssen. Hüstel.
Allmählich verformt sich der niederste Primatengang, den ich noch direkt nach dem Austehen hatte. Ich stehe fast aufrecht – aber eben nur fast… Dennoch gelingt es mir grunzenden Gemütes in die Tiefgarage vorzudringen. Das Aufflackern der Leuchtstoffröhren lässt mich zum Vouge Coupé vorgrunzen. Auf dem Weg Richtung Tür schmeiße ich noch schnell mein Fotoequipment in den Kofferraum und los geht’s. Beim Starten des Motors schärfen sich alle Sinne auf die voll verfügbaren Hundert Prozent an geistiger Zurechnungsfähigkeit. Mensch und Auto sind erwacht, der Tiefgaragenteil wird von einem wunderschönen Sommermorgen abgelöst. Durch das riesige Fensterdach wird der gesamte Innenraum mit harmonischen Tageslicht eingehüllt.
Nach dem der erste Hunger des Targa an der Tankstelle gestillt wurde, geht es auch schon Richtung Autobahn. Die ersten 25 Kilometer bekomme ich doch wirklich mit einem Schnitt von 10 bis 11 Litern bewältigt. Tempomat sei Dank. Das ändert sich jedoch schlagartig als ich vor mir das Tamsen Konsortium erblicke. Sch… was auf 11 Liter. Aston Martin jagen ist jetzt angesagt. Allein der Weg zum Sportwagenmeeting ist ein solcher Hochgenuss für jeden Autoliebhaber, dass gewisse anerkennende Grunzlaute doch wieder die Runde machen.
Amerikanische Big Blocks, Japanische Supersportler, Italienische Exoten aus der ursprünglichen Tamsen Gang ist eine Multikulti-Blech-Kolonne mit hohem Prestige Faktor geworden. Mit einem Durchschnittstempo von 250 überholen wir auch so manchen Boxster-Fahrer ohne Kompromiss und Eingeständnis, sich einpendeln zu dürfen.
Nach exakt 86 Kilometern kommen wir endlich am begehrten Ziel an. Das ADAC Fahrsicherheitszentrum Lüneburg, seines Zeichens eines der modernsten in Norddeutschland. Hier kann sich das kleine sicherheitsliebende Herz auf 21 Hektar austoben bis der Verstand aussetzt. Und das ist noch nicht einmal schmunzelnd gemeint. Der sichere Autofahrer soll sich nach den absolvierten Trainings instinktiv den unterschiedlichsten Gefahrensituationen anpassen können. Reaktionsvermögen und eine schnelle Auffassungsgabe werden hier aufs Genauste geschult. Dafür sorgt ein großes Team von Instruktoren mit flotten Kommentaren und immer wieder folgenden Ermutigungen. Schließlich hat jeder mal klein angefangen.
Man sollte meinen, dass mir etliche Sicherheitstrainings und knapp 200.000 Kilometer Fahrpraxis seit dem letzten Sportwagenmeeting im Vorjahr einen gewissen Vorteil verschaffen sollten. Jedoch ist es immer wieder erstaunlich, wie schnell der Köper seine erlernten Fähigkeiten wieder abstumpfen lässt. Ein wenig ist immer noch da, aber das muss dann auch immer und immer wieder rausgekitzelt werden. Wer sich nach einem oder zwei Fahrsicherheitstrainings in Sicherheit wiegt und meine, er könne jetzt die Sau rauslassen und einen auf superlässig machen, wird hier eines Besseren belehrt.
Kay Andresen hat hier wirklich ein tolles Event aufgestellt, welches sich von Jahr zu Jahr immer mehr zu einem Highlight entwickelt. Es fehlen noch ein paar gewisse organisatorische Feinkniffe, die mir besonders bei meinem Rennfahrertraining auf der Scuderia Hanseat gefallen haben. Allerdings ist das gesamte Publikum so eine relaxte Truppe, das dies auch nicht ganz so extrem stört. Und das teilnehmende Publikum fuhr teilweise mit wirklich sehr beeindruckenden Exemplaren auf vier Rädern vor.
Ein kleiner Auszug: Porsche Carrera GT, Ferrari F40, Ford GT, Lamborghini Gallardo Superlegera, Wiesmann mf3, Lamborghini Diablo VT, Lamborghini Murcielago, Mercedes Clk Cabrio 63 AMG, Mercedes SLK 55 AMG, Mercedes CLS 55 AMG, Audi RS4 Avant, Dodge Challenger, Ford Mustang Fastback, Hansa 23R, Yes Roadster, Ultima gtr 500, Porsche 997 Turbo, Porsche 996 Turbo S, KTM X-Bow, Toyota Supra MK IV, De Tomaso Guara und und und.
Herrlich oder? Da lechzt das Männerherz, da streikt das Stimmenband, da sabbert Speichel aus allen Mundwinkeln heraus. Ach ja, vergessen Sie bitte nicht den schicken 997 Targa4 unter meinen Händen. Der hat nämlich als einziger eine Panoramasicht in den Himmel inklusive. Ätsch.
Der Tag zieht schnell an uns vorbei. Ehe wir uns versehen, ist es schon 17:00 Uhr und Aufbruchsstimmung ist angesagt. Das Wetter war uns den ganzen Tag über sehr zugetan, teilweise bekamen wir sogar blauen Himmel zur Verfügung gestellt. Das ist Luxus, wenn man bedenkt wie nahe Lüneburg an Hamburg liegt.
Die „Sprit ist mir scheißegal“-Stimmung – mittlerweile sind aus 11 Litern respektable 25 Liter geworden – schwankt in die „Geiz ist Geil“-Stimmung um. Letztenendes stelle ich meinen wunderschönen mit Pornofelgen bepackten Targa4 mit einer Restreichweite von 60 Kilometern und einem Durchschnitt von 15,3 Litern auf dem Hof des Porsche Zentrums ab. Ein letztes Grunzen, ein letztes Lächeln, der Schlüssel dreht dem Motor den Saft ab. Der Tag ist zu Ende, und wer weiß ob nicht gerade dieses Training eine Person irgendwann davor bewahrt, den Straßenrand zu beehren. Doch lassen wir es besser gar nicht auf dieses Schicksal ankommen.
Text: Mario-Roman Lambrecht
Fotos: Mario-Roman Lambrecht (12), Carlo Maeker (1)